World Press Photo 2014

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Seit der letztjährigen Aufregung um das Paul Hansen Bild – welches in meinen Augen viel mehr ein Jury-Skandal war als eine Diskussion um Bildmanipulation und Ethik-Kompetenz des Gewinners – scheinen sich in diesem Jahr die WPP-Verantwortlichen mit dem Siegerbild auch noch um andere Kriterien gekümmert zu haben, als das Befriedigen vulgärer Bedürfnisse.

Die Jury 2014 lässt für einen Augenblick Hoffnung aufkommen, dass – zumindest mit diesem prämierten Bild von John Stanmeyer-  sie sich wieder einmal Gedanken darüber gemacht hat, was das Auszeichnen weltweit publizierter Pressefotografie überhaupt soll – und vielleicht sogar, was für eine Fotografie man zukünftig fördern möchte.

Stanmeyers Bild scheint fast eine Konterkarrikatur des letztjährigen Siegerfotos (von Paul Hansen) zu sein. Poetisch, unaufgeregt fotografierte Stanmeyer afrikanische Migranten an der Küste von Djibouti City. Flüchtlinge, die versuchen, Empfangssignale eines billigeren Handynetzes zu erhaschen, damit sie mit ihren im benachbarten Somalia lebenden Angehörigen möglichst lange telefonieren können.

Das Bild ist nicht nur eine grafisch wunderbar formulierte Nachtaufnahme, sondern offenbart auch, dass man Flüchtlingselend leise, zurückhaltend und somit differenziert dokumentieren kann. Dieser Blickwinkel, dieses Erzählen von Schrecklichkeit erfordert weitaus mehr als eine stumpfe Anwesenheit am richtigen Ort zur richtigen Zeit. An diesen Strand, zu diesen Flüchtlingen gelangt nur, wer sich mit dem Menschen zusammentut, mit ihm Zeit verbringt und das Mitgefühl sich nicht im Akt des Fotografierens allein offenbart. Das wahre Drama dieses Bildes liest sich erst beim zweiten Hinschauen und erfordert vom Betrachter mehr als diesem ordinären Drang nachzugeben, dem Leiden der Anderen zuzuschauen.

Dieser zweite Blick – diese differenziertere Betrachtungsweise – wird auch von Philippe Lopez Siegerbild eingefordert. Er zeigt uns einen Prozessionszug, der zu Gedenken der vielen Taifun-Opfer auf den Philippinen veranstaltet wird. Das Elend zeigt sich im sichtbaren Tod oder durch im Schlamm liegende Leichenteile, sondern in der Trauer der Hinterbliebenen. Es braucht weitaus mehr Mut mit dieser stillen Heftigkeit zu arbeiten, als umgekehrt.

Die meisten der weiteren prämierten Arbeiten zeigen diese Qualität, der starke Gegensatz manifestiert sich beispielhaft in der Arbeit des Kategorien-Preisträgers und Reuters-Fotografen Goram Tomasevic. Der Autor zeigt uns eine Bildserie eines durch einen Sniper zu Tode geschossenen Syrischen Widerstandskämpfers. Durch die Gewalt des Moments paralysiert, scheint er seinen “10-Bilder/sec-Auslöser” blockiert zu haben – das Resultat ist eine serielle Bildfolge dieses Dramas. Um die Dramaturgie zu erhöhen oder besser gesagt zu verklären, abstrahiert er diesen schrecklichen Moment in die Welt der Schwarzweiss-Fotografie. Er scheint seine innere Leere, seine sprachlose Autorenschaft mit weggeklickten Farbinformationen kompensieren zu wollen. Nur hat Schwarzweiss-Fotografie mit wesentlich mehr zu tun, als mit dem Fehlen von Farbe!

Was erzählt uns dieser Mann, was wir nicht schon längst und zur Genüge wissen? Dass der Krieg seine Opfer fordert? Dass sterben kann, wer von einer Kugel getroffen wird? Dass in Syrien ein Krieg tobt, der in keinster Weise Menschen und eine Gesellschaft von etwas befreit, sondern sie ausschliesslich traumatisiert? Zudem stellen sich mit diesen Bilder mehr Fragen, als sie Antworten geben. Denn hält nicht auch der Getötete eine Waffe in der Hand? Könnten diese Fotografien nicht auch von der Gegenseite gemacht worden sein? Ist dieser Krieger nun Opfer oder Täter?

Ich kann dieser Arbeit weder eine gestalterische noch inhaltliche Brillianz attestieren und sehe keine Notwendigkeit, diese Leere mit einem Preis zu würdigen. Auch dieses unendliche Abspielen ewig gleicher und nutzloser Bildinhalte droht zu einer Art visuellem Tinitus zu mutieren. Natürlich ist mir klar, dass der Betrachter tendenziell vom Schrecklichen angezogen wird, doch diese “pornografische Distanzlosigkeit” führt die ursprüngliche und hehre Absicht, mit bildjournalistischen Inhalten die Welt zu verändern oder mitzugestalten, ad absurdum.

Die weit auseinanderliegenden fotografischen Positionen der Preisträger John Stanmeyer und Goran Tomasevic offenbaren eine längst bekannte Tatsache: das Fehlen eines klaren WPP Förderungs-Konzepts und die Mutlosigkeit der Verantwortlichen, dieser “Ästhetik des Schrecklichen” endlich eine klare Absage zu erteilen, auch wenn die Industrie solche Arbeiten immer noch mit dem Argument der grossen Nachfrage publiziert. Aber kann gute Fotografie durch marktwirtschaftliche Aspekte definiert werden?

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