Bildschirmfoto 2014-10-23 um 09.29.13

Bildjournalist

Ich höre sie oft diese Frage, warum es denn überhaupt noch eine professionelle Ausbildung zum Fotojournalisten, zum Pressefotografen benötige. Auch wird behauptet, dass durch die digitale Fotografie heute ein jeder die Möglichkeit hätte „gute Bilder“ zu machen und ergo es eigentlich keine professionellen Fotografen mehr bräuchte! Die moderne digitale Welt habe fotografische Prozesse automatisiert und erlaube einem User auch ohne grosse Vorkenntnisse und dank intelligenten Mikroprozessoren gestalterisch professioneller zu sein. Und nicht zuletzt mache der Einzug von Smartphones den Fotografen im klassischen Sinne obsolet.

Die digitale Welt hat Gewohnheiten verändert, Werte verschoben und diese Veränderungen erfordern unbedingt eine Ueberprüfung des Berufsbildes. Bei all den zu anerkennenden Erleichterungen und Entwicklungen, sehe ich aber trotzdem immer noch keinen Grund, diesen Beruf in seiner bildjournalistischen Prägung als überholt zu betrachten. Auch wenn der Amateur mit den technologischen Entwicklungen Unterstützungen und Erleichterungen erfährt, heisst das doch noch lange nicht, dass diese Innovationen den Profi ersetzen können. Niemand würde doch ernsthaft behaupten, dass der im Auto eingebaute Parkhilfeassistent den Fahrer bereits als Rennfahrer qualifiziert.
Wenn die korrekte Belichtung, die perfekt geführte Schärfe nicht einziges Merkmal für professionelle Aspekte sind, was unterscheidet dann den Profi vom Amateur? Der professionelle Fotograf kennt die Gesetze der Grafik, der Bildgestaltung. Auch weiss er etwas über das Vermitteln von Inhalten ohne Worte, das Geschichten erzählen mittels visueller Kommunikation. Hierfür braucht es noch den Menschen, individualisierte Standpunkte, persönliche Sichtweisen und folgedessen Wahrnehmungskraft. Das sind komplexe Bereiche und Inhalte, die in einer anspruchsvollen Schulung vermittelt werden. Die Entwicklung und Förderung individueller Autorenschaft, kann nicht an computergesteuerte Programme delegiert werden.

Sollte das Mass aller Dinge die Verkürzung von Zeit sein, dann hat diese digitale Revolution der Bildindustrie tatsächlich grossartiges beschert. Der Fotograf ist heute in der Lage, das eben gemachte Bild gar in Echtzeit zu publizieren, auf irgendeine Internett-Plattform zu stellen. Seltsamerweise ist die Begeisterung für diese enorme Beschleunigung grösser, als die kritische Diskussionen über die Gefahren eben dieses Speed-up. Exemplarisch für diese Gefahrenbereich scheint mit das Beispiel der Malaysian Airline-Crash Bilder aus der Ukraine. Der Magnum Fotograf Jerome Sessini war einer der ersten Fotografen vor Ort und machte Bilder des von ihm vorgefundenen Grauens. Die Bilder wurden vor dem unmittelbaren Verschicken auf seinen Magnum Website Account, weder von ihm, noch von der Agentur editiert. Ohne jegliche Codierung wurden diese schrecklichen Bilder jedem zugänglich gemacht. Der Fotograf versteckte sich hinter dem Argument, dass er nur für’s Bildermachen zuständig sei, nicht für deren Publikation und die Agentur argumentierte mit der abwegigen Begründung, dass es nicht zu ihren Aufgabe gehören würde, Autorenschaft zu zensurieren. Keiner der Beteiligten wollte sich also der Verantwortung stellen.

Auch das ein gutes Beispiel und guter Grund für eine solide, vertiefte bildjournalistische Ausbildung in der auch für die neuen Verantwortlichkeiten sensibilisiert wird. Die Bildermassen, die zunehmende Beschleunigung der Prozessabläufe und die vielfältigen Publikationsplattformen erfordern zusätzliches Wissen, Ausbildung also!

Natürlich haben die neuen Technologien auch die Formen der Erzählung verändert. Das Bild, die Fotografie ist multimedial geworden. Der Fotojournalist von heute „bewegt“ seine Bilder, bringt sie in einen filmischen Ablauf, versieht das Bildmaterial mit Audiodateien, macht Videos, bringt das alles auf einer Timeline in die gewünschte Erzählform. Der moderne Leser liest nicht nur, er hört auch gerne zu, die Leserschaft ist gleichzeitig eine Zuhörerschaft geworden. Auch dieser Aspekt, dieses Verständnis des Pressefotografen-Berufes erfordert eine solide Ausbildung. Und letztlich geht es beim Weg zur professionellen Pressefotografie um das, worum es immer ging: um den Blick auf den Inhalt, um Journalismus und dieser will gelernt sein.

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