Bildschirmfoto 2014-07-22 um 14.48.47

Der moralische Totalabsturz der Agentur Magnum

Dass das Elend dieser Welt auf Magnum Fotograf Jerome Sessini eine überaus grosse Anziehungskraft ausübt, das ist nicht erst seit der Publikation seiner Malaysian-Airline-Crash Bilderserie zu erkennen. Da wo gehurt, gemordet, togeschlagen wird, da wo die Drogen und die Kartelle Menschen korrumpieren, da ist auch Jerome Sessini zugegen. Was sich der Magnum Fotograf nun aber mit dieser unglaublich vulgären und pornografischen Distanzlosigkeit traut, das bricht in diesem Kontext alles bisher dagewesene. Als einer der ersten ist er auf dem fast 25 Kilometer Durchmesser grossen Crashfield und fotografiert abgerissene Beine zu Tode gekommener Flugzeugpassagiere. Man sieht Leichen, welche noch angegurtet auf dem Flugzeugsitz sitzen. Torsi liegen im Kornfeld, Kinderkörper sind notdürftig mit durchsichtigem Plastik bedeckt und eine Leiche scheint durch ein Dachfenster in ein Wohnzimmer gefallen zu sein. Alles selbstvertändlich säuberlich, formsicher und aus verschiedenen Distanzen fotografiert. Auch variantenreich mal von sehr nah, dann von etwas weiter weg. Alles damit der tief in uns allen wohnende Voyeur auch die Möglichkeit hat, seine Primärbedürfnisse zu befriedigen.

Menschenwürde, Totenruhe, Mitgefühl gegenüber der Opfer und der Angehörigen scheinen komplet ausgepixelt! Er muss sich geradezu in einem Blutrausch befunden haben und hat offensichtlich wie ein Besessener fotografiert. Und auch hat hier einer seine Chance gewittert, weil er einer der „first people who arrived the scene“ (gemäss TIME Interview) war. Im diesem Interview mit Olivier Laurent erwähnt der Fotograf dann auch noch seine eigene Befindlichkeit : “ What I saw was horrofic, allmost unreal. I was in shock. I don’t think I ever felt so sick.“ Offensichtlich war das sich schlecht fühlen nicht stark genug, um diesen Bildbeitrag zu verhindern.

Dieser moralische Totalabsturz ist intellektuell nachvollziehbar, da die Möglichkeit einer weltweiten Profilierung und die Chance in einem – auch für Magnum Fotografen – hart umkämpften Markt Geld zu verdienen, verführerisch wirken. Betrachtet man Sessinis Arbeit, dann ist seine jetzige Entgleisung aber kein Novum, sondern erweist sich als klar strukturiert.

Natürlich, wenn nicht vorallem, drängen sich auch gegenüber der Agentur kritische Fragen auf. Die Gründerväter von Magnum hatten ursprünglich die hehre Absicht, moralisch ethisch hochwertigen Bildjournalismus nicht nur zu betreiben, sondern eben auch zu fördern. Das Aufnahmeprozedere für Fotografen konnte mehrere Jahre dauern (Nomination, Assoziiertes Mitglied, Vollmitgliedschaft) und die jeweiligen Haltungen wurden sehr genau geprüft. Sie wollten diesbezüglich vorbildlich handeln, ja dieser Kodex war zentrales und verbindendes Element dieser Gemeinschaft. Magnum war bis zum heutigen Tag eine Art Pièce de Resistance in der Bilderindustrie, eine der wenigen Ausnahmen in diesem meist kruden Geschäft.

Mit Mord und Totschlag lassen sich eben mehr Bilder verkaufen, als mit hochdifferenzierten, feinstofflichen und intelligenten Bildern. Der Betrachter möchte sich durch das Leiden der Anderen (Susann Sonntag) mindestens unterhalten wissen. Magnum zeichnete sich mehrheitlich dadurch aus, dass sie sich diesem Marktdiktat zu widersetzen wusste. Die Abkehr dieser Haltung, der Schulterschluss mit dem Durchschnittlichen, dieser moralisch-ethische Dammbruch ist bedeutungsvoll.

Cartier Bresson, Robert Capa, Chim Seymour und George Rodger würden sich wohl im Grabe umdrehen, müssten sie diesen Bildermüll besprechen. Henri Cartier Bresson sagte, „wir lassen uns nicht zu den Domestiken der Presse machen“! Siebenundsechzig Jahre nach der Gründung von Magnum, scheint sich diese Absicht in Luft aufgelöst zu haben, resp. die Agentur Magnum lässt es zu, dass sie zum Domestiken der Oekonomie wird.

Kommentar verfassen

Sie können die folgenden HTML-Codes verwenden:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>