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Bildjournalist

Ich höre sie oft diese Frage, warum es denn überhaupt noch eine professionelle Ausbildung zum Fotojournalisten, zum Pressefotografen benötige. Auch wird behauptet, dass durch die digitale Fotografie heute ein jeder die Möglichkeit hätte „gute Bilder“ zu machen und ergo es eigentlich keine professionellen Fotografen mehr bräuchte! Die moderne digitale Welt habe fotografische Prozesse automatisiert und erlaube einem User auch ohne grosse Vorkenntnisse und dank intelligenten Mikroprozessoren gestalterisch professioneller zu sein. Und nicht zuletzt mache der Einzug von Smartphones den Fotografen im klassischen Sinne obsolet.

Die digitale Welt hat Gewohnheiten verändert, Werte verschoben und diese Veränderungen erfordern unbedingt eine Ueberprüfung des Berufsbildes. Bei all den zu anerkennenden Erleichterungen und Entwicklungen, sehe ich aber trotzdem immer noch keinen Grund, diesen Beruf in seiner bildjournalistischen Prägung als überholt zu betrachten. Auch wenn der Amateur mit den technologischen Entwicklungen Unterstützungen und Erleichterungen erfährt, heisst das doch noch lange nicht, dass diese Innovationen den Profi ersetzen können. Niemand würde doch ernsthaft behaupten, dass der im Auto eingebaute Parkhilfeassistent den Fahrer bereits als Rennfahrer qualifiziert.
Wenn die korrekte Belichtung, die perfekt geführte Schärfe nicht einziges Merkmal für professionelle Aspekte sind, was unterscheidet dann den Profi vom Amateur? Der professionelle Fotograf kennt die Gesetze der Grafik, der Bildgestaltung. Auch weiss er etwas über das Vermitteln von Inhalten ohne Worte, das Geschichten erzählen mittels visueller Kommunikation. Hierfür braucht es noch den Menschen, individualisierte Standpunkte, persönliche Sichtweisen und folgedessen Wahrnehmungskraft. Das sind komplexe Bereiche und Inhalte, die in einer anspruchsvollen Schulung vermittelt werden. Die Entwicklung und Förderung individueller Autorenschaft, kann nicht an computergesteuerte Programme delegiert werden.

Sollte das Mass aller Dinge die Verkürzung von Zeit sein, dann hat diese digitale Revolution der Bildindustrie tatsächlich grossartiges beschert. Der Fotograf ist heute in der Lage, das eben gemachte Bild gar in Echtzeit zu publizieren, auf irgendeine Internett-Plattform zu stellen. Seltsamerweise ist die Begeisterung für diese enorme Beschleunigung grösser, als die kritische Diskussionen über die Gefahren eben dieses Speed-up. Exemplarisch für diese Gefahrenbereich scheint mit das Beispiel der Malaysian Airline-Crash Bilder aus der Ukraine. Der Magnum Fotograf Jerome Sessini war einer der ersten Fotografen vor Ort und machte Bilder des von ihm vorgefundenen Grauens. Die Bilder wurden vor dem unmittelbaren Verschicken auf seinen Magnum Website Account, weder von ihm, noch von der Agentur editiert. Ohne jegliche Codierung wurden diese schrecklichen Bilder jedem zugänglich gemacht. Der Fotograf versteckte sich hinter dem Argument, dass er nur für’s Bildermachen zuständig sei, nicht für deren Publikation und die Agentur argumentierte mit der abwegigen Begründung, dass es nicht zu ihren Aufgabe gehören würde, Autorenschaft zu zensurieren. Keiner der Beteiligten wollte sich also der Verantwortung stellen.

Auch das ein gutes Beispiel und guter Grund für eine solide, vertiefte bildjournalistische Ausbildung in der auch für die neuen Verantwortlichkeiten sensibilisiert wird. Die Bildermassen, die zunehmende Beschleunigung der Prozessabläufe und die vielfältigen Publikationsplattformen erfordern zusätzliches Wissen, Ausbildung also!

Natürlich haben die neuen Technologien auch die Formen der Erzählung verändert. Das Bild, die Fotografie ist multimedial geworden. Der Fotojournalist von heute „bewegt“ seine Bilder, bringt sie in einen filmischen Ablauf, versieht das Bildmaterial mit Audiodateien, macht Videos, bringt das alles auf einer Timeline in die gewünschte Erzählform. Der moderne Leser liest nicht nur, er hört auch gerne zu, die Leserschaft ist gleichzeitig eine Zuhörerschaft geworden. Auch dieser Aspekt, dieses Verständnis des Pressefotografen-Berufes erfordert eine solide Ausbildung. Und letztlich geht es beim Weg zur professionellen Pressefotografie um das, worum es immer ging: um den Blick auf den Inhalt, um Journalismus und dieser will gelernt sein.

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Der moralische Totalabsturz der Agentur Magnum

Dass das Elend dieser Welt auf Magnum Fotograf Jerome Sessini eine überaus grosse Anziehungskraft ausübt, das ist nicht erst seit der Publikation seiner Malaysian-Airline-Crash Bilderserie zu erkennen. Da wo gehurt, gemordet, togeschlagen wird, da wo die Drogen und die Kartelle Menschen korrumpieren, da ist auch Jerome Sessini zugegen. Was sich der Magnum Fotograf nun aber mit dieser unglaublich vulgären und pornografischen Distanzlosigkeit traut, das bricht in diesem Kontext alles bisher dagewesene. Als einer der ersten ist er auf dem fast 25 Kilometer Durchmesser grossen Crashfield und fotografiert abgerissene Beine zu Tode gekommener Flugzeugpassagiere. Man sieht Leichen, welche noch angegurtet auf dem Flugzeugsitz sitzen. Torsi liegen im Kornfeld, Kinderkörper sind notdürftig mit durchsichtigem Plastik bedeckt und eine Leiche scheint durch ein Dachfenster in ein Wohnzimmer gefallen zu sein. Alles selbstvertändlich säuberlich, formsicher und aus verschiedenen Distanzen fotografiert. Auch variantenreich mal von sehr nah, dann von etwas weiter weg. Alles damit der tief in uns allen wohnende Voyeur auch die Möglichkeit hat, seine Primärbedürfnisse zu befriedigen.

Menschenwürde, Totenruhe, Mitgefühl gegenüber der Opfer und der Angehörigen scheinen komplet ausgepixelt! Er muss sich geradezu in einem Blutrausch befunden haben und hat offensichtlich wie ein Besessener fotografiert. Und auch hat hier einer seine Chance gewittert, weil er einer der „first people who arrived the scene“ (gemäss TIME Interview) war. Im diesem Interview mit Olivier Laurent erwähnt der Fotograf dann auch noch seine eigene Befindlichkeit : “ What I saw was horrofic, allmost unreal. I was in shock. I don’t think I ever felt so sick.“ Offensichtlich war das sich schlecht fühlen nicht stark genug, um diesen Bildbeitrag zu verhindern.

Dieser moralische Totalabsturz ist intellektuell nachvollziehbar, da die Möglichkeit einer weltweiten Profilierung und die Chance in einem – auch für Magnum Fotografen – hart umkämpften Markt Geld zu verdienen, verführerisch wirken. Betrachtet man Sessinis Arbeit, dann ist seine jetzige Entgleisung aber kein Novum, sondern erweist sich als klar strukturiert.

Natürlich, wenn nicht vorallem, drängen sich auch gegenüber der Agentur kritische Fragen auf. Die Gründerväter von Magnum hatten ursprünglich die hehre Absicht, moralisch ethisch hochwertigen Bildjournalismus nicht nur zu betreiben, sondern eben auch zu fördern. Das Aufnahmeprozedere für Fotografen konnte mehrere Jahre dauern (Nomination, Assoziiertes Mitglied, Vollmitgliedschaft) und die jeweiligen Haltungen wurden sehr genau geprüft. Sie wollten diesbezüglich vorbildlich handeln, ja dieser Kodex war zentrales und verbindendes Element dieser Gemeinschaft. Magnum war bis zum heutigen Tag eine Art Pièce de Resistance in der Bilderindustrie, eine der wenigen Ausnahmen in diesem meist kruden Geschäft.

Mit Mord und Totschlag lassen sich eben mehr Bilder verkaufen, als mit hochdifferenzierten, feinstofflichen und intelligenten Bildern. Der Betrachter möchte sich durch das Leiden der Anderen (Susann Sonntag) mindestens unterhalten wissen. Magnum zeichnete sich mehrheitlich dadurch aus, dass sie sich diesem Marktdiktat zu widersetzen wusste. Die Abkehr dieser Haltung, der Schulterschluss mit dem Durchschnittlichen, dieser moralisch-ethische Dammbruch ist bedeutungsvoll.

Cartier Bresson, Robert Capa, Chim Seymour und George Rodger würden sich wohl im Grabe umdrehen, müssten sie diesen Bildermüll besprechen. Henri Cartier Bresson sagte, „wir lassen uns nicht zu den Domestiken der Presse machen“! Siebenundsechzig Jahre nach der Gründung von Magnum, scheint sich diese Absicht in Luft aufgelöst zu haben, resp. die Agentur Magnum lässt es zu, dass sie zum Domestiken der Oekonomie wird.

World Press Photo 2014

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Seit der letztjährigen Aufregung um das Paul Hansen Bild – welches in meinen Augen viel mehr ein Jury-Skandal war als eine Diskussion um Bildmanipulation und Ethik-Kompetenz des Gewinners – scheinen sich in diesem Jahr die WPP-Verantwortlichen mit dem Siegerbild auch noch um andere Kriterien gekümmert zu haben, als das Befriedigen vulgärer Bedürfnisse.

Die Jury 2014 lässt für einen Augenblick Hoffnung aufkommen, dass – zumindest mit diesem prämierten Bild von John Stanmeyer-  sie sich wieder einmal Gedanken darüber gemacht hat, was das Auszeichnen weltweit publizierter Pressefotografie überhaupt soll – und vielleicht sogar, was für eine Fotografie man zukünftig fördern möchte.

Stanmeyers Bild scheint fast eine Konterkarrikatur des letztjährigen Siegerfotos (von Paul Hansen) zu sein. Poetisch, unaufgeregt fotografierte Stanmeyer afrikanische Migranten an der Küste von Djibouti City. Flüchtlinge, die versuchen, Empfangssignale eines billigeren Handynetzes zu erhaschen, damit sie mit ihren im benachbarten Somalia lebenden Angehörigen möglichst lange telefonieren können.

Das Bild ist nicht nur eine grafisch wunderbar formulierte Nachtaufnahme, sondern offenbart auch, dass man Flüchtlingselend leise, zurückhaltend und somit differenziert dokumentieren kann. Dieser Blickwinkel, dieses Erzählen von Schrecklichkeit erfordert weitaus mehr als eine stumpfe Anwesenheit am richtigen Ort zur richtigen Zeit. An diesen Strand, zu diesen Flüchtlingen gelangt nur, wer sich mit dem Menschen zusammentut, mit ihm Zeit verbringt und das Mitgefühl sich nicht im Akt des Fotografierens allein offenbart. Das wahre Drama dieses Bildes liest sich erst beim zweiten Hinschauen und erfordert vom Betrachter mehr als diesem ordinären Drang nachzugeben, dem Leiden der Anderen zuzuschauen.

Dieser zweite Blick – diese differenziertere Betrachtungsweise – wird auch von Philippe Lopez Siegerbild eingefordert. Er zeigt uns einen Prozessionszug, der zu Gedenken der vielen Taifun-Opfer auf den Philippinen veranstaltet wird. Das Elend zeigt sich im sichtbaren Tod oder durch im Schlamm liegende Leichenteile, sondern in der Trauer der Hinterbliebenen. Es braucht weitaus mehr Mut mit dieser stillen Heftigkeit zu arbeiten, als umgekehrt.

Die meisten der weiteren prämierten Arbeiten zeigen diese Qualität, der starke Gegensatz manifestiert sich beispielhaft in der Arbeit des Kategorien-Preisträgers und Reuters-Fotografen Goram Tomasevic. Der Autor zeigt uns eine Bildserie eines durch einen Sniper zu Tode geschossenen Syrischen Widerstandskämpfers. Durch die Gewalt des Moments paralysiert, scheint er seinen “10-Bilder/sec-Auslöser” blockiert zu haben – das Resultat ist eine serielle Bildfolge dieses Dramas. Um die Dramaturgie zu erhöhen oder besser gesagt zu verklären, abstrahiert er diesen schrecklichen Moment in die Welt der Schwarzweiss-Fotografie. Er scheint seine innere Leere, seine sprachlose Autorenschaft mit weggeklickten Farbinformationen kompensieren zu wollen. Nur hat Schwarzweiss-Fotografie mit wesentlich mehr zu tun, als mit dem Fehlen von Farbe!

Was erzählt uns dieser Mann, was wir nicht schon längst und zur Genüge wissen? Dass der Krieg seine Opfer fordert? Dass sterben kann, wer von einer Kugel getroffen wird? Dass in Syrien ein Krieg tobt, der in keinster Weise Menschen und eine Gesellschaft von etwas befreit, sondern sie ausschliesslich traumatisiert? Zudem stellen sich mit diesen Bilder mehr Fragen, als sie Antworten geben. Denn hält nicht auch der Getötete eine Waffe in der Hand? Könnten diese Fotografien nicht auch von der Gegenseite gemacht worden sein? Ist dieser Krieger nun Opfer oder Täter?

Ich kann dieser Arbeit weder eine gestalterische noch inhaltliche Brillianz attestieren und sehe keine Notwendigkeit, diese Leere mit einem Preis zu würdigen. Auch dieses unendliche Abspielen ewig gleicher und nutzloser Bildinhalte droht zu einer Art visuellem Tinitus zu mutieren. Natürlich ist mir klar, dass der Betrachter tendenziell vom Schrecklichen angezogen wird, doch diese “pornografische Distanzlosigkeit” führt die ursprüngliche und hehre Absicht, mit bildjournalistischen Inhalten die Welt zu verändern oder mitzugestalten, ad absurdum.

Die weit auseinanderliegenden fotografischen Positionen der Preisträger John Stanmeyer und Goran Tomasevic offenbaren eine längst bekannte Tatsache: das Fehlen eines klaren WPP Förderungs-Konzepts und die Mutlosigkeit der Verantwortlichen, dieser “Ästhetik des Schrecklichen” endlich eine klare Absage zu erteilen, auch wenn die Industrie solche Arbeiten immer noch mit dem Argument der grossen Nachfrage publiziert. Aber kann gute Fotografie durch marktwirtschaftliche Aspekte definiert werden?